Schaumburger Zeitung,  Landeszeitung, Schaumburger Nachrichten 17.April 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wasserpfennig“ als Vorbild –                            Ökoabgabe auch auf Rohstoffe?

Helmhold (Grüne): Recyclingprodukte müssen gefördert werden

Rinteln (rd). Mit einer Ökoabgabe auf den Abbau von Rohstoffen wie Sand, Kies, Ton und Torf wollen die Grünen künftig den sparsameren Umgang mit diesen Bodenschätzen fördern und den mit ihrem Abbau verbundenen Flächenverbrauch reduzieren. So sieht es ein Gesetzentwurf „zur Erhebung einer Bodenschätzeförderabgabe“ vor, den die Grünen Ende April in den Landtag einbringen werden.

„Der Sand- und Kies- und Gesteinsabbau reißen immer größere Wunden in unsere Landschaft. Wir müssen den Verbrauch endlich reduzieren und vermehrt Recyclingprodukte einsetzen. Splitt zum Beispiel lässt sich hervorragend durch Material aus Abbrüchen ersetzen“, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Landtagsgrünen, Ursula Helmhold aus Rinteln.

Eine Abgabe auf oberflächennahe geförderte Rohstoffe gibt es bisher bundesweit noch nicht. Das Instrument einer Abgabe zur Förderung des nachhaltigen Umgangs mit wertvollen Ressourcen ist nach Auskunft der Grünen jedoch nicht neu. So sei in Niedersachsen 1992 eine Wasserentnahmegebühr, der sogenannte „Wasserpfennig“ zum Schutz des Wassers eingeführt worden, sagte Helmhold.

„Am Wasserpfennig sieht man, das dieses Instrument funktioniert, denn der Wasserverbrauch ist seither deutlich zurück gegangen und die Wasserqualität besser geworden“, so Helmhold.

Wettbewerbsverzerrungen durch die neue Abgabe befürchten die Grünen nicht. „Die vorgesehenen Abgabensätze von einem Euro pro Tonne Sand und Kies und bis zu drei Euro pro Kubikmeter Weißtorf sind sehr moderat. Deshalb wird es keine Produktionsverlagerungen geben“, meint die Rintelner Grünen-Politikerin.

Die erwarteten Einnahmen für den Landeshaushalt belaufen sich nach Berechnungen der Grünen zunächst auf rund 55 Millionen Euro jährlich. Helmhold rechnet jedoch in den kommenden Jahren mit zurück gehenden Einnahmen, wenn zunehmend Recyclingprodukte eingesetzt werden.

Hauptgrund der Abgabe sei ohnehin nicht, Geld in die Kassen zu bekommen. „Der schleichende Ausverkauf unserer Landschaften und Rohstoffe muss im Interesse nachfolgender Generationen gestoppt werden“, so Ursula Helmhold. „Die geschundenen Berge unseres Wesergebirges legen ein deutliches Zeugnis für die Notwendigkeit eines anderen Umgangs ab.“

                           Schaumburger Zeitung vom Samstag, 17. April 2010, Seite: 11

 

 

Die Welt   am 25.April 2010 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    Geburtstag von Richard von Weizsäcker (90Jahre) Laudator Hemut Schmidt

    Altkanzler

    Helmut Schmidt geißelt "Größenwahn" der Manager

    Von Daniel Friedrich Sturm

    Er lobte Richard von Weizsäcker und rechnete mit den "verachtenswerten Typen von Finanzmanagern" ab. Altkanzler Helmut Schmidt hat bei einer Würdigung für den Altbundespräsidenten die Schuldigen an der Wirtschaftskrise attackiert. An deren "Größenwahn" habe die Menschheit noch Jahre zu leiden.

    Henry Kissinger war aus den Vereinigten Staaten nach Berlin gekommen, Vaclav Havel reiste aus Prag an und Helmut Schmidt machte sich aus Hamburg auf dem Weg – sie alle ehrten im Berliner Konzerthaus auf Einladung der Körber-Stiftung den Mann, der vor wenigen Tagen sein 90. Lebensjahr vollendete: Richard von Weizsäcker.

    Das Leben des einstigen Staatsoberhauptes, sein Anteil an der Ostpolitik und die berühmte Rede vom 8. Mai 1985 kamen mehrfach zur Sprache. Außerdem ging es um die Zukunft Europas und die Weltpolitik, etwa den Umgang mit dem Iran.

    Der sozialdemokratische Bundeskanzler a. D. würdigte den Altbundespräsidenten, der einst in der CDU Karriere gemacht hatte. Hinter einem schlichten Tisch in seinem Rollstuhl sitzend, ehrte Helmut Schmidt von Weizsäcker, dessen „Gedankenreichtum“ und seine „moralische Disziplin“.

    Schmidt, diesmal ohne Zigarette, sprach von Weizsäcker mit „lieber Richard“ an, hanseatisch vollendet in der Sie-Form. Er benötigte nur wenige Momente, um die im Publikum erwartete „Schmidt Schnauze“ ertönen zu lassen. Von Weizsäcker habe sich nie für persönlichen Luxus interessiert, sondern für diesen „höchstens Verachtung“ übrig gehabt.

    Er stehe damit im Gegensatz zu den „verachtenswerten Typen von Bank- und Finanzmanagern“, die mit „zügellosen Größenwahn“ der Welt mit der Wirtschaftskrise eine Rezession beschert hätten, unter der „beinahe die gesamte Menschheit noch Jahre zu leiden haben wird“, polterte Schmidt.

    Schmidt ging auf von Weizsäckers bewegte Biografie ein, seine Kriegserfahrung, die Verteidigung des Vaters bei den Nürnberger Prozessen und seinen Weg in die Politik. Von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sei „denkwürdig“, in ihrer damaligen Wirkung wie in ihrer Nachwirkung.

    Dem Bundespräsidenten sei es damals gelungen, die große Mehrheit der Deutschen „endlich zu überzeugen, dass unsere Niederlage eine Befreiung war von der moralischen Hybris der Naziherrschaft“. Schmidt betonte von Weizsäckers Eintreten für die Entspannungspolitik – entgegen der ursprünglichen Linie der Union.

    „Sie haben mit Zähigkeit innerparteiliche Überzeugungsarbeit geleistet“, sagte Schmidt. So wie die SPD-geführten Bundesregierungen Adenauers Westintegration fortgesetzt hätten, habe die Regierung Kohl die Ostpolitik Brandts nicht infrage gestellt.

    Diese Berechenbarkeit sei „ein Faktor für den anhaltenden Frieden in Europa“. Vaclav Havel setzte Schmidts Würdigung von Weizsäckers in der sich anschließenden Gesprächsrunde fort. „Sie waren mein Präsidenten-Lehrer“, leitete das einstige Staatsoberhaupt der Tschechoslowakei und Tschechiens ein. „Wenn ich meinen 90. Geburtstag erlebe“, scherzte der 73-jährige Havel, „werde ich Kanzler Schmidt um eine Laudatio bitten.“

    Gut gelaunt zeigte sich auch Henry Kissinger (87). Er werde Englisch sprechen und nicht Deutsch, bat er das Auditorium um Verständnis – „ich möchte meinen fränkischen Akzent dem Berliner Publikum nicht aufzwingen.“ An von Weizsäcker gewandt, dankte Kissinger, „dass Sie für mein Leben so viel bedeutet haben“.

    Der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, erinnerte – in perfektem Deutsch – an einen Appell von Weizsäckers: „Ich fordere Sie auf, sich in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einzumischen.“ Der Jubilar hörte es amüsiert, appellierte zu einer Dialogpolitik mit dem Iran und würdigte, Griechenland hin, Griechenland her, den Euro als „wichtigstes Instrument in Europa“. Moderator Timothy Garton Ash mochte am Ende kein „Happy birthday“ anstimmen, sondern zitierte stattdessen ein polnisches Geburtstagslied: „100 Jahre, 100 Jahre soll er leben.“

    Der Sender Phoenix zeigt die Veranstaltung am Montag, 26. April, um 15.15 Uhr.

    Die Welt online am 25. April 2010, 22:32 Uhr : Der Link

 

 

 

Schaumburger Zeitung am 6. Mai 2010

 

 

 

    Nach Jahren endlich (wieder) freier Blick auf die Burg

    Schaumburg (rd). Pünktlich zum Fototermin lugt die Sonne hinter grauen Wolken hervor und lässt Rintelns Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz schwärmen: ,,Das ist unser schönster Ausblick auf die Burg Schaumburg und hinein ins Wesertal.“

    Landesforsten sorgen für Duchblick Genießen den jetzt wieder freien Blick auf die Schaumburg: Revierförster Heiko Gropp (v.l.), Wilfried Schnüll vom Heimatverein, Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz, Dr. Michael Behrndt vom Forstamt, Elke Reineking (vorne, l.) und Anita Schnüll. Foto: mld

     

     

    Ein Ausblick, der Wanderern und vorbeikommenden Autofahrern nun schon jahrelang verwehrt war. Nur zwei Ruhebänke unter einer mächtigen alten Buche erinnerten den Vorbeikommenden daran, was schon auf alten Kupferstichen für die Nachwelt verewigt wurde: Dort, wo sich vom Kammweg des Mönchebergs kommend an der Burgstraße in Schaumburg der Hohlweg öffnet, bietet sich ein fantastischer Blick ins Wesertal und auf die majestätisch auf den Nesselberg thronende Burg, die unserem Landkreis ihren Namen gegeben hat.

    Die vorgelagerte ehemalige Hochweide verwaldete in den vergangenen Jahren zusehends, im steilen Gelände musste der Heimatverein Schaumburg seine regelmäßigen Pflegearbeiten in diesem Bereich einstellen – mit einer traurigen Konsequenz: Dünnstämmige Eschen und hochwuchernde Büsche versperrten fortan den Blick auf Burg und Tal.
    Die gebürtige Schaumburgerin Elke Reineking war es, unterstützt von Bürgermeister, Vertretern des Naturparks, der Schaumburger Landschaft und des Heimatvereins, die hartnäckig in Gesprächen mit dem Niedersächsischen Forstamt Hessisch Oldendorf darauf drängte, den Ausblick wieder zu ermöglichen. Letztlich überzeugte auch eine Postkarte von 1972 auf der Homepage www.elkereineking.de die Forstbehörde von der Notwendigkeit, diesen touristisch bedeutsamen Ausblick wieder zu ermöglichen, wie Dr. Michael Behrndt vom Forstamt beim Fototermin erläuterte. Die Entscheidung fiel den Verantwortlichen umso leichter, als das Waldgesetz die Landesforsten verpflichtet, neben der Nutz- und Schutz- auch die Erholungsfunktion des Waldes zu gewährleisten. ,,Dazu gehört der Bau von Ruhebänken und Schutzhütten oder eben auch die Schaffung von attraktiven Ausblicken für Wanderer,“ erläuterte der zuständige Revierförster Heiko Gropp.
    Dass der Ausblick jetzt wieder ungehindert möglich ist, freut auch den Schaumburger Heimatvereinsvorsitzenden Wilfried Schnüll, plant er doch mit seinem Verein zum 900-jährigen Bestehen Schaumburgs beim Fürstenbesuch im August ein vielfältiges Programm auf der Burg. Schnüll: ,,Ohne diesen Ausblick wäre die Geburtstagsfeier nur halb so schön.“ Was wohl auch die vielen Wanderer so sehen, die den seit einigen Tagen wieder zugänglichen Ausblick genießen. Schaumburger Zeitung, 06.05.2010

    Repro Durchblick  Der freie Blick vom Kammweg auf die Schaumburg, festgehalten auf einer Postkarte aus dem Jahr 1972, hat die Forstbehörde überzeugt, die verwaldete Weide freizuschlagen. Repro: pr

     

     

 

Der “Wieder” Durchblick:  Aufnahme vom 4. Mai 2010 / Fotos: Elke Reineking

Der_Blick_auf_unsere_Burg_Schaumburg_am_4__Mai_2010

___und_ins_Wesertal

Mehr zur Region, mehr zur Burg Schaumburg:   Die Landschaft

 

 

 

 

 

        Wirtschaft und Wachstum: Die Herausforderung Rohstoffknappheit

 

 

      • Impuls: Steigerung der Lebensqualität!

 

    Mythos Wachstum: Die Grenzüberschreitung

    Vor fast 40 Jahren sah der "Club of Rome" das Ende des Wachstums voraus. Nun erfüllt sich die Prognose – und die alte Debatte beginnt von vorn.

    Susanne Henkel ist mit Leib und Seele Unternehmerin. Seit mehr als sechs Jahrzehnten produziert ihr Betrieb im schwäbischen Forchtenberg Möbel aus Stahl und beschichtet Metallteile für den Maschinenbau. Die 56-Jährige studierte Juristin führt das Unternehmen in der dritten Generation und kann überzeugend schildern, wie sie Mitarbeiter motiviert oder Kunden bei der Stange hält. Doch dann sagt die Unternehmerin Henkel auch Sätze wie diesen: „Wenn wir wollen, dass die künftige Welt noch lebenswert ist, dann müssen wir jetzt handeln.“ Und darum hat sie ihr Unternehmen radikal umgebaut. Weniger Strom und Gas, weniger Material, weniger Verschleiß – akribisch trimmt sie die Produktion auf höhere Effizienz und langlebigere Produkte. Chemikalien werden nur im Kreislauf geführt und ihre Ingenieure entwickeln Werkstoffe, mit denen die Produkte immer haltbarer werden. Sogar ihre Kunden fordert Henkel auf, für verschlissene Möbel aus der Henkel-Herstellung keine neuen zu kaufen, sondern sie wieder aufarbeiten zu lassen – „die beste Kundenbindung, die man sich vorstellen kann“.

    Das Ergebnis ist ein höchst ungewöhnliches Geschäftsmodell: Die „Richard Henkel GmbH“ wächst nicht mehr. Und sie muss das auch gar nicht. „Wir produzieren besser und haltbarer, das reicht“, sagt die Chefin, und der Erfolg gibt ihr Recht. Um 20 Prozent ging der Absatz im vergangenen Krisenjahr zurück, trotzdem verlor kein Mitarbeiter seinen Job und es blieb ein guter Gewinn. Denn gleichzeitig verdoppelte sich der Umsatz mit der Aufarbeitung der alten Henkel-Produkte. „Bei uns wachsen die Qualität und damit die Wertschöpfung, aber nicht Produktion und Rohstoffverbrauch“, erklärt die energische Unternehmerin.

    Damit steht sie an der vordersten Front der vermutlich schwersten Herausforderung, die viele Wohlstandsländer in den nächsten Jahrzehnten erschüttern wird: das anstehende Ende der Wachstumswirtschaft. Seit mehr als zwei Jahrhunderten, unterbrochen nur durch Kriege und Krisen, folgten alle kapitalistisch verfassten Gesellschaften dem gleichen Ziel: mehr Produktion und mehr Konsum. Allein in den vergangenen 60 Jahren hat sich so die globale Warenproduktion mehr als verfünffacht, der Ölverbrauch stieg gar um das Achtfache. Das Prinzip der steten Mehrung habe „nachgerade religiösen Charakter“ angenommen, konstatierte der Kulturwissenschaftler Harald Wälzer. Eindrucksvoll bestätigte das zuletzt Angela Merkel, als sie voller Inbrunst verkündete: „Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen.“

    Doch nun wird jeden Tag deutlicher, dass diese simple Logik keine Zukunft hat. Nicht nur, dass die Nutzung der Atmosphäre als Abgasdeponie einen Klimawandel heraufbeschwört, der Milliarden Menschen mit Vertreibung bedroht. Zugleich werden mit dem Aufstieg der Schwellenländer viele Rohstoffe knapp und es offenbart sich eine völlig unhaltbare Lage: Ein Fünftel der Menschheit verbraucht vier Fünftel aller Ressourcen. Das kann so nicht bleiben. Entweder die Privilegierten werden freiwillig ihren Verbrauch mindern oder Krieg und Gewalt werden dies erzwingen. Gleichzeitig hat das Platzen der Kreditblase die meisten reichen Länder in eine tiefe Rezession gestürzt, und niemand weiß, ob es einen anhaltenden „Aufschwung“ danach überhaupt noch geben wird.

    Quer durch die Wohlstandszone ist darum eine Debatte ausgebrochen, ob im Großen zu erreichen ist, was Unternehmer wie Susanne Henkel im Kleinen schon geschafft haben: eine Wirtschaft ohne Wachstum bei abnehmendem Ressourcenverbrauch. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy etwa sprach beim Weltwirtschaftsforum in Davos vom „Eintritt in eine Ära des Mangels“. Darum gelte es ein „neues Modell“ zu entwickeln, das nicht auf Verschwendung beruhe. In Großbritannien legte eine Regierungskommission eine umfassende Studie über einen möglichen „Wohlstand ohne Wachstum“ vor. In den USA wandten sich Wissenschaftler rund um das renommierte Worldwatch Institute frontal gegen den Irrglauben, der technische Fortschritt werde das Ressourcenproblem lösen. Der Kern der Krise sei vielmehr der „exzessive Konsum“, heißt es in dem Worldwatch-Bericht. „Wenn wir den Zusammenbruch der Zivilisation verhindern wollen, brauchen wir eine Umwälzung der kulturellen Muster des Konsumismus“, forderte der Leitautor Erik Assadourian.

    Und auch in Deutschland hat das große Nachdenken begonnen. So warnt neuerdings Meinhard Miegel, der langjährige Berater des CDU-Politikers Kurt Biedenkopf, vor dem „Wachstumswahn“, der nur noch „zerstörend“ wirke, und mahnt die Entwicklung eines „neuen Lebensstils“ an. Ganz ähnlich forderte jüngst SPD-Fraktionschef Walter Steinmeier „eine neue Qualität der wirtschaftlichen Entwicklung“, die „Lebensqualität“ und „soziale Teilhabe“ wachsen lasse. Und ausgerechnet zur Vereidigung der zweiten Regierung Merkel, die sich der „Wachstumsbeschleunigung“ verschrieben hat, forderte der zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler, man müsse künftig „mit weniger Verbrauch zufrieden sein“. Nun haben SPD und Grüne sogar beschlossen, im Bundestag eine Enquetekommission einzurichten, die Vorschläge für den Übergang zur Post-Wachstumsgesellschaft entwickeln soll.

    All das klingt revolutionär – und ist doch gar nicht neu. Genau die gleichen Fragen bewegten auch schon in den 70erJahren des vergangenen Jahrhunderts die westlichen Gesellschaften. Den Anstoß dazu gab im Jahr 1972 eine bis dahin völlig unbekannte Vereinigung namens „Club of Rome“. Dahinter verbarg sich zunächst nur ein Debattenzirkel, den der italienische Industrielle Aurelio Peccei ins Leben gerufen hatte. Peccei, der damals 60 Jahre alte Chef des Olivetti-Konzerns, hatte bereits in seinem 1969 erschienenen Buch über den „Abgrund vor uns“ über den engen Zusammenhang von Wirtschaftssystem und Umweltzerstörung geschrieben. Um das Thema in die Weltpolitik zu tragen, scharte er einen Kreis von 100 führenden Denkern aus allen Kontinenten um sich, der sich alsbald als „Club of Rome“ etablierte. Aber erst ein junger amerikanischer Überflieger namens Dennis Meadows verhalf Pecceis Ideen zur Zündung. Der damals gerade 28 Jahre alte Ökonom und Professor des Massachusetts Institute of Technologie (MIT) übernahm den Auftrag, mit einem 16-köpfigen Team eine computergestützte Weltprognose für den Club zu entwickeln. Es wurde die Aufgabe seines Lebens. Für die Welt wurde das Resultat ein Schock.

    Als die 160 Seiten lange Studie, großteils finanziert von der Volkswagenstiftung, im Frühjahr 1972 erschien, war schon der Titel eine Provokation: „Die Grenzen des Wachstums“. Sie lieferte erstmals eine mathematische Begründung für eine simple Überlegung: In einer endlichen Welt können der Rohstoffverbrauch und die Nahrungsmittelerzeugung nicht unendlich wachsen. Bis heute werfen Kritiker Meadows vor, er habe den technischen Fortschritt unterschätzt und darum „falsche Prognosen“ über einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft schon zum Ende des 20. Jahrhunderts geliefert. Doch das stimmt so nicht. Die Weltmodellierer stellten ausdrücklich fest, „dass keine der Berechnungen eine Voraussage darstellt“. Vielmehr ging es um 13 Szenerien unter verschiedenen Annahmen, auch solchen, die grosse Fortschritte bei Rohstoffgewinnung und Umweltschutz unterstellten. Das Ergebnis war gleichwohl stets nur ein Aufschub des Zusammenbruchs um ein paar Jahrzehnte, solange „das Grundverhalten des Weltsystems, das exponentielle Wachstum von Bevölkerungszahl und Kapital“ gleich blieb. Darum würden „die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht“, konstatierte das Meadows-Team – eine Feststellung, die heute nur allzu plausibel klingt. Daher bedürfe es „freiwilliger Wachstumsbeschränkungen“, um ein „weltweites Gleichgewicht“ herzustellen, folgerten die Autoren.

    Doch diese Forderung prallte schon an der etablierten Wissenschaft ab, noch bevor sie die Politik erreichte. „Die Studie“, urteilte etwa das britische Magazin „Economist“, habe „die Hochwassermarke altmodischen Unsinns erreicht“. Der Ökonom Gerhard Scherhorn, damals einer der fünf deutschen „Wirtschaftsweisen“, versuchte 1974, das Problem wenigstens in die Berechnungen des Rates einzuführen. Doch seine Kollegen wiesen das Ansinnen brüsk zurück. „Die haben das gar nicht verstanden“, erinnert sich Scherhorn.

    Gleichwohl trafen Meadows und seine Mitstreiter den Nerv der Zeit. Die wachsende – und damals noch sichtbare – Umweltzerstörung machte vielen Menschen Angst. 1972 war auch das Jahr der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen. Im folgenden Winter demonstrierten dann die arabischen Ölstaaten mit ihrem Lieferboykott wegen des Krieges um Palästina, wie abhängig die Industriestaaten vom Erdöl waren. Die hohen Energiepreise trieben die Welt in die Rezession und die „Ölkrise“ beförderte – so wie jetzt die Finanzkrise – die Suche nach Alternativen. In der Folge wurde die Meadows-Studie weltweit zwölf Millionen Mal verkauft und stiftete viele an, sich dem geltenden Fortschrittsglauben entgegenzustellen. Atomkraft, Autoverkehr, Agrarchemie und andere Errungenschaften erschienen plötzlich als Treiber der ökologischen Zerstörung. Scharfsinnige Denker wie der Jesuit Ivan Illich wurden populär, wenn sie etwa den Widersinn eines Verkehrssystems geißelten, „wo die Menschen einen erheblichen Teil des Tages arbeiten, um das Geld zu verdienen, das sie brauchen, um überhaupt zur Arbeit zu kommen“. Und massenhaft regten sich Basisinitiativen, die schließlich zur Gründung grüner Parteien führten.

    Schon damals wurde die bis heute alles bestimmende Maßzahl des wirtschaftlichen Erfolgs, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), als sinnlose Größe erkannt. „Es wächst, wenn immer mehr Abfälle die Umwelt belasten. Und es wächst noch einmal, um Umweltschäden zu beseitigen. Es wächst, wenn der Lärm in unseren Städten zunimmt. Und es wächst noch einmal, wenn wir Lärmschutzanlagen anbringen“, schrieb Erhard Eppler, damals SPD-Minister für Entwicklungshilfe und einsamer Vordenker seiner Partei. Darum forderte er „mehr Lebensqualität“ anstatt wachsender Umsätze. Das stieß bei den Regierenden zwar auf taube Ohren. Aber viele junge Leute wollten aus dem Widersinn ausbrechen und brachten eine ganze Bewegung von alternativen und ökologisch orientierten Unternehmen in Gang.

    So entfalteten die frühen Wachstumskritiker enorme kulturelle Wirkung. Aber an den Kernfragen scheiterten sie. Nicht nur boten sie keine überzeugenden Antworten für die Mehrheit der Menschheit, der ein „Nullwachstum“ nur die Fortschreibung ihrer Armut gebracht hätte. Zudem ignorierten sie, dass kapitalistische Gesellschaften in ihrer bisherigen Form zwingend Wachstum benötigen, um stabil zu bleiben. Wenn alles investierte Kapital und die dafür eingesetzten Ersparnisse sich mit Zins und Dividende rentieren sollen, um mehr Kapital anzuhäufen, dann muss die Produktion wachsen. Andernfalls bleiben die Investitionen aus und die Wirtschaft schrumpft.

    Darum brach sich Bahn, was Meadows die „gefährlichste Reaktion“ genannt hatte: der Glaube an den technischen Fortschritt. „Ökologische Modernisierung wurde das Schlagwort, das alle Grenzen ideologisch aufhob“, erinnert sich der Soziologe Wolfgang Sachs, der seit 38 Jahren zum Thema forscht. Ingenieure und Ökonomen versprachen, Produktionszunahme und Ressourcenverbrauch ließen sich „entkoppeln“. Statt der Grenzen des Wachstums wurde „das Wachstum der Grenzen propagiert“ (Sachs) – und das gilt bis heute. Der Anschein gab den Technikoptimisten ja auch recht. Kläranlagen und Abgasfilter schafften das Giftproblem außer Sicht. Stetig sank auch der Energieeinsatz im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Das nährte die Illusion, es würde schon irgendwie gehen. Und weil den Entwicklungsländern der Aufstieg ins Konsumparadies nicht verwehrt werden konnte, kreierte die globale Umweltdiplomatie die Formel von der „nachhaltigen Entwicklung“.

    Doch im wirklichen Leben geschah etwas ganz anderes: Was immer die Technik an Effizienzgewinnen brachte, wurde mit dem Zuwachs an Konsum mehr als ausgeglichen. So fiel mit besserer Wärmedämmung der Energieverbrauch pro Quadratmeter Wohnfläche in Deutschland seit 1970 um mehr als die Hälfte. Doch gleichzeitig verdoppelten sich die Wohnungsgrößen im Schnitt und der Heizwärmeverbrauch stieg sogar an. Das Gleiche geschah beim Konsumgut Nummer eins, dem Auto. Die Effizienz stieg, aber ebenso die PS-Zahlen, der Benzinverbrauch blieb. Fachleute sprechen daher vom „Rebound“-Effekt, der bisher alle Effizienzgewinne zunichte macht. „Die Entkoppelung ist nur ein Mythos“, schrieb der britische Ökonom Tim Jackson in seinem Wachstumsbericht für die Regierung.

    Ist der Konsumkapitalismus also nicht zu bändigen, bevor Kriege und Katastrophen ausbrechen? Zahlreiche Wissenschaftler widersprechen vehement. Und das unterscheidet die modernen Wachstumskritiker von ihren Vorläufern: Sie haben machbare Konzepte für die „Wachstumsbefriedung“, wie der Soziologe Sachs es nennt, der 2008 mit einem Autorenteam die 600-Seiten-Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ veröffentlichte.

    Ausgangspunkt ist die Forderung nach ehrlicher Bilanzierung. Müssten erst der Verbrauch an Natur- und Sozialkapital, gemessen an den Folgekosten für Klimawandel und die wachsende Armutsbevölkerung, mit dem BIP verrechnet werden, würde sich alles vermeintliche Wachstum ins Gegenteil verkehren, stellte eine von Präsident Sarkozy berufene Kommission unter Leitung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz fest. Die Hurrameldungen vom BIP-Wachstum seien in Wahrheit schlechte Nachrichten. Alternative Indikatoren wie der „Happy Planet Index“ oder das „grüne BIP“ sind auch längst ausgearbeitet. Würden sich Regierungen daran messen, müssten sie zwangsläufig eine ganz andere Politik verfolgen.

    Dann hätte etwa der Vorschlag des früheren SPD-Politikers Ernst Ulrich von Weizsäcker gute Chancen. Weizsäcker, ein Veteran der Umweltforschung, hat dieser Tage erst wieder ein Buch vorgelegt („Faktor 5“), das nachweist, wie leicht es technisch wäre, den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas auf einen Bruchteil zu reduzieren. Nur gelte es eben „den Drachen des Rebound-Effekts zu besiegen“. Dazu empfiehlt er eine einfache Formel: Jahr für Jahr sollten die Steuern auf Energie und Rohstoffe parallel zur wachsenden Produktivität bei deren Einsatz steigen. Dafür könnte die gewöhnliche Mehrwertsteuer im gleichen Umfang gesenkt werden. Das klingt simpel, aber die Folgen wären dramatisch. Alle energieintensiven Branchen würden schrumpfen, der Braunkohlekonzern RWE etwa würde wertlos, saubere Unternehmen dagegen würden gewinnen. Zwar würde noch immer die Renditelogik des Kapitals regieren. Ein anderes Problem würde jedoch um so grösser: Mit der abnehmenden Produktion würden Arbeitslosigkeit und Armut massiv zunehmen.

    Wer immer über Alternativen nachdenkt, vom Konservativen Meinhard Miegel bis zur links-alternativen britischen New Economy Foundation, kommt daher zum gleichen Schluss: Die Verkürzung der Arbeitszeiten wäre zwingend notwendig, um eine tiefe Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Damit direkt verbunden – und das ist das grösste Hindernis – wäre eine massive Umverteilung der Einkommen. Regierungsberater Jackson sieht darin das „Kernelement“ einer alternativen Strategie. Bliebe es bei der grossen Ungleichverteilung, dann bliebe auch der politische Druck, mehr zu erwirtschaften, um mehr zu verteilen, ohne den Reichen etwas wegzunehmen. Würde dagegen etwa über eine drastische Erhöhung der Erbschaftssteuer die Ungleichheit abgebaut, hätte die öffentliche Hand auch die Mittel, um immaterielle Arbeit wie Altenpflege, Kindererziehung und Ausbildung aufzuwerten und auszuweiten. Nötig, so Jackson, sei „ein mächtiges Signal für eine Gesellschaft, die sich auf Kooperation anstatt auf Statuskonkurrenz orientiert“.

    Gemessen an der derzeit noch gängigen Politik klingt das noch immer utopisch. Doch mit jedem weiteren Preisschub für Öl oder Getreide und mit jeder Schreckensmeldung von der Klimafront werde der Widerstand schrumpfen, erwartet Meadows, der einstige Pionier der Wachstumsdebatte. Ob freiwillig oder erzwungen, in jedem Fall werde „der Wandel sehr, sehr gross sein“. Das sieht Susanne Henkel ganz ähnlich. Aber, so versichert die Unternehmerin mit dem Sinn für echte Nachhaltigkeit, „wir sind gerüstet“.

    In Der Tagesspiegel/Wirtschaft am 5.06.2010