Vortrag zum Gesteinsabbau im Weserbergland

5.April 2003

 

    “Man kann die Heimat auch verlieren ohne dass man wegzieht!”
     Vortrag auf Einladung des Schaumburg-Lippischen Heimatvereins OG Stadthagen
     Sonnabend, den 5.April 2003 auf der Paschenburg

    Gern habe ich Herr Schmidt-Burdorf, sehr geehrter Gäste, Damen und Herren, ihre Einladung angenommen, um über die aktuellsten    Entwicklungen und Aktivitäten der Aktionsgemeinschaft Weserbergland zu berichten.

    Eine bemerkenswerte und ganz besondere Aktionsgemeinschaft. Eine Aktionsgemeinschaft, die von  in Anführungsstrichen ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern ins Leben gerufen worden ist. Bürgern, die aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen kommen, den verschiedensten Parteien an- oder nicht angehören, aus verschiedenen Landkreisen, ja sogar Bundesländern kommen, in unserem Fall Schaumburg und Hameln-Pyrmont, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, mehr oder weniger engagiert sind, heimatlich tief verwurzelt sind oder auch nicht und dennoch etwas ganz Wesentliches verbindet:

    Ihre Verbundenheit und Liebe zu einer einzigartigen Landschaft und Region, dem Weserbergland, und die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Zulassung weiterer Steinbrüche in Wesergebirge und Süntel zu verhindern.

    Wie kam es dazu? Und was haben wir bis jetzt erreichen können!Als heimatverbundene Grafschaft Schaumburgerin möchte ich meine Ausführungen gern unter die Überschrift stellen:

    Man kann die Heimat auch verlieren ohne dass man wegzieht!

    Das muss man leider für uns hier ganz im Besonderen feststellen. Ich weiß nicht auf welchem Weg sie hierhin auf den Möncheberg, mit 336m die höchste Erhebung im Wesergebirge gekommen sind. Geht es nach den zumindest bisherigen Vorstellungen des Landes Niedersachsens, wird es irgendwann nur noch aus dem Wesertal möglich sein. Denn die Passstraße von Rehren aus kommend und die Passtraße von Deckbergen aus kommend wird es nicht mehr geben.

    Denn der Möncheberg und der Oberberg stehen auf der Prioritätenliste zur Rohstoffgewinnung für Hartgestein, neben dem auch historisch bedeutendem Dachtelfeld im Süntel, der sich ans Wesergebirge anschließt ganz oben und wird damit weggesprengt sein.

    Das Land Niedersachsen hat unseren im Übrigen dichtestens besiedelten Landkreis des Landes zum Steinbruch Niedersachsen auserkoren. Alle Berge sind als Rohstoffgewinnungsgebiete vorgesehen. Wie schlimm die Entwicklung fortgeschritten ist und wie schnell wertvolle Landschaftsteile und Regionen unwiederbringlich zerstört werden erleben wir hier ganz besonders im Bereich der Stadt Rinteln. Wir erleben einen Raubbau und Zerstörung unserer Heimatlandschaft durch Gesteinsabbau darüber hinaus in einer Geschwindigkeit die in dieser Form Ihresgleichen sucht und nicht mehr hingenommen werden kann.

 

    (Forstamt)

    Wo man gestern z.B. noch wandern konnte, wird man morgen möglicherweise schon ausgesperrt sein und das nicht nur dort, wo bereits Steinbrüche sind. Reizvolle, von vielen Generationen und Naturfreunden genutzte Wanderwege auch auf unseren letzten noch nicht abgebauten Bergen, werden durch die Forst so zugestrüppt und verhunzt und damit so unzugänglich gemacht, dass es manchmal sogar wirklichen Kennern schwer fällt, diese wieder zu finden.

    Wir können dahinter nur noch Absicht vermuten! Schließlich ist ja hinlänglich bekannt, dass die Forst Hess.Oldendorf, die für unseren Bereich hier zuständig ist, für das Land Niedersachsen den größten Posten Ihrer Erträge, durch Abbauzins erwirtschaftet. Wir erleben die Forstleute schon lange nicht mehr als Waldschützer, Heger und Pfleger unseres wertvollen Buchenwaldes, als die sich in der Öffentlichkeit gerne bezeichnen, im Gegenteil. Wir können nur noch darauf hoffen, dass wir auch unter den Forstleuten noch Mitstreiter in unsere Sache finden können, bevor hier alles zerstört ist.

    Wie auch immer, der Gesteinsabbau hat bereits tiefe Spuren hinterlassen, mit Narben die wir hier ganz aktuell und katastrophal zu spüren bekommen. Allein in den letzten 15 Jahren wurde das gesamte Wesertal zum Abbau freigegeben und das halbe Wesergebirge weggesprengt. Jetzt rutschen auch noch die Kämme ab. Eine gigantische Zerstörung wertvoller Natur- und Kulturflächen.

 

    (Steinzeichen Steinbergen und Schaumburger Landschaft)

    Darüber hinaus müssen wir als so genannte  „Quasiwiedergutmachung“ auch noch die Einrichtungen von Erlebnisparks und Ähnlichem hinnehmen. Ein „Steinzeichen“, welches auf den Internetseiten der Schaumburger Landschaft mit den Worten vorgestellt wird: Schaumburg hat ein neues Wahrzeichen! Ist für mich der Gipfel und ein Unding.

    Ich bin Schaumburgerin, hier geboren und aufgewachsen.

    Diese Attraktion mag vieles sein und als innovatives Nachnutzungskonzept für einen schrecklichen Krater den einen oder anderen Besucher überzeugen, eine Bezeichnung als Wahrzeichen ist allerdings ein Stich ins` Herz für alle, die wissen, was Schaumburg unter diesem Namen ausmacht und zu bieten hat, eine lange 900 Jahre alte Geschichte und Kultur, die reichlich Schätze birgt, mit der Burg Schaumburg als wichtigstem Wahrzeichen und Sinnbild, eingebettet in eine wunderschöne Berg- und Flusslandschaft.

    Dieses Treppenbauwerk und Prestigeobjekt von der Steinbruchindustrie, die hier innerhalb kürzester Zeit unsere Heimat mit Kratern und Löchern verschandelt hat, auch noch mit der Bezeichnung neues Wahrzeichen zu erhöhen,  ist, da können Sie sicher sein, nicht nur für mich die Spitze des Eisbergs. Allenfalls als Mahnmal, welches auf rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung unserer Ressourcen aufmerksam macht, kann ich es noch hinnehmen.

    Und so wird das Schaumburger Land dann auch noch dem ortsfremdenTouristen präsentiert –mit Blick in den größten und schrecklichsten Krater Niedersachsens. Und auch dem Touristen, der diese Region kennt, muss es doch eiskalt den Rücken runter laufen, wenn er hier mit ansehen muss, wie sträflich wir mit unseren eigentlichen Schätzen und Naturräumen umgehen. So kann man, um den Kreis zu schließen, seine Heimat auch verlieren ohne dass man wegzieht.

 

    (Schaumburger Identität)

    Das Land Niedersachsen hat die letzten noch unzerstörten Berge, wie die Luhdener Klippen mit dem Klippenturm, den Oberberg mit dem Naturdenkmal springende Steine, den Möncheberg auf dem wir uns gerade befinden (Diese beiden Berge, die in ihrer noch intakten Gesamtheit, die letzten Zeugen des einstmals prächtigen und wunderschonen Wesergebirgszuges sind) und außerdem auch noch das historisch bedeutende Dachtelfeld im Süntel auf die Prioritätenliste für den Gesteinsabbau gesetzt.

    Eine Sünde an einem der wertvollsten und schönsten Landschaften Niedersachsens, die noch 1975 aufgrund dieser einzigartigen Schönheiten zum Naturpark gemacht wurde. Uns Menschen, die wir hier leben und heimisch geworden sind, ist und bleibt, gerade auch dieses Landschaftsbild ein unverzichtbares Wahrzeichen und macht ein Stück unserer Identität aus, worauf wir nicht verzichten wollen.

    Und dafür werden wir in Schaumburg im schönen Weserbergland als Gegner von Steinbrüchen und Kiesgruben, die sich maßlos wie bösartige Geschwüre in unsere schöne Landschaft fressen, auch weiterhin kämpfen und eintreten.Die vorhandenen Steinbrüche müssen wir hinnehmen und mit Ihnen leben lernen, aber kein einziger Berg mehr für den Gesteinsabbau!

    (Schaumburger Freunde und Aktionsgemeinschaft)

    Für den Erhalt unserer Berge setzen wir uns von den Schaumburger Freunden schon seit Jahren ein, mit mehr oder weniger gutem Erfolg. Immerhin konnten wir schon einmal durch unseren Einsatz verhindern, dass der Möncheberg zum Abbau freigegeben wurde. Das war 1992, konnten 1998 die vollständige Zerstörung der Westendorfer Egge verschieben und haben ganz Aktuell mit der Gründung der landkreisübergreifenden Initiative, der Aktionsgemeinschaft Weserbergland, durch unseren Protest erreichen können, dass das Dachtelfeld vorläufig nicht zum Abbau freigegeben wird.

    Endlich ist dieser starke und anhaltende Protest in der Region auch in der Staatskanzlei angekommen und endlich werden wir auch ernst genommen.So weit waren wir noch nie und daran beißen wir uns fest, das kann ich Ihnen auch für die engsten und sehr engagierten Mitstreitern der Aktionsgemeinschaft versichern, die sich hier  mit Achim Thielemann aus Obernwöhren, Dr. Fritz-Richard Bartels aus Heeßen, Dirk Reinecke aus Bad Münder und mir aus Schaumburg, gefunden hat.

    Denn „Von uns gibt es keinen einzigen Berg mehr!“ Mittlerweile haben sich der Aktionsgemeinschaft 36 Vereine, Verbände, Firmen und Interessengruppen angeschlossen 14000 haben im letzten Jahr mit Ihrer Unterschrift sogar schriftlich bekundet, dass Sie dieses Ziel ausdrücklich unterstützen.

    Eine Unterstützung und Willensbekundung, die auch nach dem Regierungswechsel in Niedersachsen weiterhin nötig ist und bleibt.

    (Aktuelle Entwicklung)

    So gibt es ganz aktuell Neues zu berichten. Erleichtert (schließlich ist die CDU jetzt Regierungspartei) aufgeatmet haben wir; als der CDU-Bezirksparteig Hannover, Anfang März in Nienburg mit großer Mehrheit einen von Martin Zerth und der Jungen Union Schaumburg eingebrachten Antrag beschlossen hat: Der Gesteinsabbau im Weserbergland darf nicht nicht ausgeweitet werden und die Abbaugebiete sollen in angemessenem Umfang reduziert werden sollen. Frau Ursula Körtner, CDU Landtagsabgeordnete aus Hameln-Pyrmont, hatte sich auch für diesen Antrag eingesetzt und als Mitstreiterin hoch erfreut der Aktionsgemeinschaft mitgeteilt.„ Die weitere Zerstörung des Wesergebirges muss verhindert werden und durch diesen Beschluss setzt der größte Landesverband der CDU in Niedersachsen ein eindeutiges Zeichen!“, teilte sie uns mit. Auch Herr Pörtner hatte diesen Antrag unterstützt.

    Gestern Mittag erhielten wir eine Pressemitteilung, der Landtagsgrünen aus der Arbeit im Niedersächsischen Landtag. Die in den Landtag gewählte Abgeordnete aus Rinteln, Frau Ursula Helmhold“ hatte als „erste Amtshandlung“ in einer mündlichen Anfrage nach dem weiteren Gesteinsabbau und der Haltung der neu gewählten Landesregierung zum Mediationsverfahren gefragt. Gestern Morgen wurde diese Anfrage im Landtag behandelt und beantwortet.Leider kann ich über die Antwort nicht sehr erfreuliches berichten.

    Die Landesregierung hält sich auch weiterhin alle Möglichkeiten offen und redete eher schwammig um eine Festlegung und eindeutige Auskunft herum, will sich auch weiterhin zum Dachtelfeld nicht festlegen. Das bedeutet, es hat sich an den Planungen nichts geändert! Natürlich gehen auch unsere Bemühungen in der Aktionsgemeinschaft Weserbergland um den Erhalt weiter, ein Einsatz der dadurch umso wichtiger wird. Wir müssen einfach aufpassen, dass wir ohne es zu erfahren, sozusagen hintenrum über Vorgaben des Landes Niedersachsen, auch als Landkreise vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Aber auch daran hat sich nichts geändert, auch das kennen wir ja schon. Nichts Anderes machen wir seit über zehn Jahren, sonst wäre der Möncheberg schon weg, die Westendorfer Egge bereits vollständig zerstört und auch das Dachtelfeld nicht mehr zu retten.

    (Jährliche Bergwanderung)

    Für die Zukunft  ist auf jeden Fall wieder eine Bergwanderung mit allen beteiligten Mitgliedergruppen, zu den Brennpunkten Wesergebirge und Süntel geplant.  Diese gemeinsame Sternwanderung wollen wir ab dem nächsten Jahr dann auch jährlich etablieren. Ein Konzept werden wir mit Hilfe eines Schirmherrn noch in diesem Jahr ausarbeiten. Möglichst viele Menschen möchten wir damit erreichen und einladen, uns und unsere schöne Landschaft näher kennen zu lernen.

    Denn: Wer einmal auf dem Wesergebirgskamm gewandert und im Süntel gewesen ist, wird wie wir als heimatverbundene Schaumburger  wissen. Mensch, wie schön ist es doch hier. Das dürfen wir uns nicht wegnehmen nehmen lassen!

    So ist gibt es sicher Momente, wo man Rückschläge hinnehmen muss und Herr Thielemann wird es Ihnen ganz sicher auch bestätigen können, Momente wo man manchmal schon verzweifeln könnte angesichts der scheinbar übermächtigen Gesteinsabbaulobby, auch und vor allen Dingen dann, wenn man sich mit viel Zeit, Herzblut und Engagement einbringt. Dennoch: Es lohnt sich!

    Ein Umdenken hat durch diesen stetigen und unermüdlichen Einsatz von so engagierten Schaumburger Freunden, wie ich sie gerne nenne, schon eingesetzt und hat beim Land Niedersachsen nachhaltigen Eindruck gemacht. (Ein Sprecher der Staatskanzlei sagte uns gegenüber dazu: So etwas haben wir noch nicht erlebt!)

    (Mediationsverfahren)

    Als Koordinatorin und Sprecherin der Aktionsgemeinschaft Weserbergland kann ich Ihnen zum von der bisherigen Landesregierung geplanten Mediationsverfahren folgendes berichten:

    Zur Vorbereitung gab es im Dezember 2002 ein erstes Treffen mit zwei der damit betrauten Mitarbeiter aus der Staatskanzlei mit uns in Schaumburg mit dem Ziel auf diese Weise eine abgestimmte Grundlage für das Verfahren zu erhalten. Im Januar dieses Jahres erhielten wir dazu Vorschläge eines Anforderungsprofils und erste Details zur Verfahrenorganisation. So wird die Dauer des Verfahrens mit ca. einem Jahr veranschlagt, bei Bedarf auch länger. Die Kosten hierfür werden mit ca. 30.000 Euro beziffert. Als erstem Schritt wurden wir aufgefordert eine Stellungnahme abzugeben mit eigenen Vorschlägen für die Mediationsleitung und mit für uns wichtigen Eckpunkten. Das haben wir gemacht und der Staatskanzlei Ende Februar zugesandt.

 

    Wichtigster Punkt für uns war und ist nur eine einzige Frage: Ist es zumutbar, den Bereich Wesergebirge und Süntel durch weitere Abbauvorhaben zu belasten, zu zerstören und in seiner weiteren touristischen und wirtschaftlichen Existenz zu gefährden?

    Wir gehen davon aus, dass es vor Neufestlegung einer weiteren Abbaustätte bei uns auch unter der neuen Landesregierung zu einem Mediationsverfahren kommen wird.  Christian Wulff hat sich in einer Fragebogenaktion, die die Aktionsgemeinschaft im Sommer letzten Jahres unter allen Kandidaten durchgeführt, bereits schriftlich dafür ausgesprochen. Ich habe für Sie die Ausarbeitung mitgebracht, auch eine detaillierte Dokumentation, die ich zur Petition im letzten Jahr zusammengestellt habe, möchte ich Ihnen gern überlassen.

    Nun werde ich aber wirklich mit meinen Ausführungen zum Ende kommen, ich danke Ihnen und dem Schaumburg-Lippischen Heimatverein, Frau Dr. Sommer für Ihren stetigen Einsatz in unserer gemeinsamen Schaumburger Sache.

    Ein Thema, was uns hier weiter beschäftigen wird und für das wir ihre Unterstützung auch weiterhin brauchen und hoffentlich haben werden. Danke schön! Elke Reineking, Schaumburg 5.April 2003...